WikiLeaks – Hurra?!

8 12 2010

Auch dieser Beitrag hat wenig mit Predigten zu tun, allerdings habe ich in letzter Zeit so manche Diskussion über WikiLeaks geführt. Leider lässt sich das Thema in Statusnachrichten auf Facebook nicht sonderlich gut erörtern. Ich möchte deshalb hier eine kurze Zusammenfassung abliefern, wie ich das Thema sehe.

WikiLeaks (im folgenden WL) unterstützt aus meiner Sicht sehr effektiv das sog. WhistleBlowing. So bezeichnet man Informanten, die unter vollständiger Anonymität vertrauliches Insiderwissen an die Presse weiter geben. In diesem Bezug ist WikiLeaks eine hervorragende Einrichtung, die zur Unterstützung des investigativen Journalismus beitragen kann.

Die Effizienz von WL bleibt dabei fragwürdig. Der bisher größte Informant sitzt mittlerweile in Haft, als wahrscheinliche Erklärung für seine Enttarnung gilt – laut Wikipedia – das die Übermittlung der Informationen technisch nachvollziehbar war. Gerade dies zu verhindern, sollte ja eigentlich der Hauptanspruch von WL sein. Im Vergleich dazu stellte sich “Deep Throat”, als bekanntester WhistleBlower der Geschichte, im Alter von 90 Jahren, nachdem er über 30 Jahre seine Identität geheim halten konnte und das vollkommen ohne WL oder sonstige technische Hilfsmittel. (Wenn ihr weitere Informationen dazu haben wollt, googlet bitte nach Watergate-Affäre, nicht nach Deep Throat … wenigstens nicht auf der Arbeit)

Eine ganz andere Rolle nimmt aber der Hauptprotagonist Julian Assange ein. Zum ersten konnte ich trotz intensiver Recherche nicht feststellen, was seine Leistungen rund um WikiLeaks sind. Dass WL einem möglichst großen Personenkreis bekannt ist, dürfte naturgemäß unerheblich sein. Ein WhistleBlower wird einen Weg finden, auch ohne Schlagzeilen und WL an sich kontaktiert von sich aus Redaktionen, um Informationen zu übermitteln. Die Bezahlung von Informanten ist dabei üblich, was mit den groß angelegten Spendenaktionen finanziert wird, bleibt also vollkommen im Dunkeln. Ich persönlich gelange zunehmend zu der Vermutung, dass Assange WL instrumentalisiert, um sich selbst zu inszenieren.

Teil dieser Inszenierung ist dabei auch seine “Lebensversicherung”. Diese Lebensversicherung enthält laut eigener Aussage die unzensierten Quellen von WL. Diese Quellen wurden bisher nur in zensierter Form an die Presse weitergegeben. Amnesty International hat öffentlich angeprangert, dass selbst die zensierte Form schon beispielsweise die Namen von afghanischen Informanten enthält. Ein öffentlich werden der Namen, hätte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit den Tod der Informanten und deren Familien zur Folge. Diese Daten stehen also in einer verschlüsselten Datei, die jedem zur Verfügung steht, der einen Internetanschluss hat. Der Schlüssel soll angeblich automatisch veröffentlicht werden, sobald ihm etwas zustößt. Unwillkürlich drängt sich einem der Satz auf: “Wenn ich drauf gehe, nehme ich wenigstens noch ein paar Leute mit.” und das ist ein Satz, den man sich einfach nur im Munde eines Terroristen vorstellen kann.

Nun kommt der Vorwurf einer Straftat hinzu. Die Medien und Assange selbst wettern über einen internationalen Haftbefehl wegen Vergewaltigung. Beides ist übrigens falsch. Der Anklagepunkt heißt “weniger grobe Vergewaltigung” (im deutschen ungefähr mit sexueller Nötigung gleichzusetzen) und der Haftbefehl gilt auch nur national in Schweden. Interpol hat lediglich per Mitteilung alle Polizeien weltweit dazu aufgefordert, sich an der Suche nach Assange zu beteiligen. Geradezu erschütternd ist hier, dass sich scheinbar alle einig sind, dass hier Beweise falsch sind und keiner darauf vertraut, dass ein Gericht in der Lage ist, einen Straftatsbestand aufzuklären. Einfache Lynchjustiz … im umgekehrten Sinne. Man fühlt sich an den glücklosen Moderator Andreas Türck erinnert, der bei ähnlicher Beweislage von der Öffentlichkeit bereits zum Vergewaltiger abgestempelt wurde (bevor sich später herausstellte, dass er unschuldig war). Da fragt man sich doch, ob hier wirklich an der Neutralität der Gerichte oder am Verstand der Öffentlichkeit gezweifelt werden muss.

Weiter gab es großes Geschrei, dass WL die Zahlungsmöglichkeiten durch Unternehmen eingeschränkt wurden. Zum ersten möchte ich mal erst feststellen, dass niemand einen Rechtsanspruch auf die Dienstleistungen eines Unternehmens hat. Es ist also nicht so, dass WL hier Unrecht getan wird, wenn PayPal die Konten aufkündigt. Aber schon aus PR Gründen würde ich mir als Zahlungsunternehmen die Frage stellen, ob ich tatsächlich das Konto einer Organisation betreiben möchte, die so beharrlich an einer Person wie Assange festhält. Weiterhin stellt sich auch wiederum für das Unternehmen die Frage, wofür genau diese Spenden verwendet werden (wie oben geschrieben). Das gab dann auch den Ausschlag: PayPal kündigte das Konto wegen des Verdachtes auf Geldwäsche.

Also abschließend:
Ist WhistleBlowing eine gute Sache? Ja
Ist WL eine gute Sache? Zweifelhaft
Haben Regierungen Beweise gefälscht, um Assange aus dem Verkehr zu ziehen? Möglich
Ist Assange der Ritter in schimmernder Rüstung, dem die Regierungen Unrecht tun? …


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5 Antworten

8 12 2010
Ben

- hatte Deap Throat auch diesen Umfang? (bzgl. “der andere konnte es auch)
- liegt es tatsächlich zu 100% in der Macht einer Partei eine Enttarnung zu verhindern, egal in welchen Umständen? (Wikileas sollte das dem Blog-Eintrag nach ja können…)
- ist wikipedia tatsächlich eine angebrachte Informationsquelle? (ist ja ein viel diskutiertes Thema – in diesem Fall wäre es wohl besser direkt den Quell-Link von Wikipedia zu lesen: http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-die-quelle-bradley-manning-der-verratene-verraeter-1.1029027 )
- ist/wirkt eine Organisation in der heutigen Medienzeit nicht viel glaubwürdiger wenn sie einen Kopf hat der sich nach aussen hin präsentiert und inszeniert als wie wenn “irgendwer irgendwas” veröffentlich”?
- ist es nicht besser eine Person erst zu verurteilen wenn sie das “wenn ich schon gehe nehme ich wenigstens noch ein paar mit” umgesetzt hat als schon vorab wenn sie es androht (eine schwerwiegende Drohung ist vermutlich nötig um Geheimdienst-Intriegen zu entgegnen. die “nicht feine art” beruht zu diesem Zeitpunkt noch auf Gegenseitigkeit)
- Sollte man als Leiter einer christilichen Organisation (bzw eines Bereichs) seine eigene Meinung tatsächlich in dieser Art broadcasten?

8 12 2010
falkoz

- der größte Effekt war, dass der amerikanische Präsident seines Amtes enthoben wurde… ja ich würde sagen der Umfang war wahrscheinlich noch größer
- noch besser ist natürlich, wenn man alle Quellen liest, statt nur einer: http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EB7743084C84B417480B1175808764D35~ATpl~Ecommon~Scontent.html
“Nach seiner Darstellung wurde sein Mitarbeiter Adrian Lamo auf Mannings Internet-Nutzungsverhalten aufmerksam und konnte durch Analyse des Netzwerkverkehrs nachweisen, dass Manning „Collateral Murder“, das Video aus dem Irakkrieg, an Wikileaks weitergeleitet hatte.” Und um meinen Lesern, nicht mir, die Quellenprüfung zu vereinfachen, der Verweis auf die Wikipedia, die alle Quellen gesammelt hat.
- Die Veröffentlichen doch gar nicht, das ist doch der Witz an WikiLeaks und die ursprüngliche Idee. Informantenschutz durch vollkommene Anonymität und die Presse ist wohl nicht darauf angewiesen, ob da schon mal jemand sein Gesicht in eine Kamera gehalten hat.
- Ich verurteile nicht, sondern äußere meine Meinung, wie es sich aus meiner Sicht darstellt. Man nennt so etwas Kommentar. Und davon abgesehen, ist die Androhung einer solchen Tat vollkommen ausreichend um zu handeln. Einen Mord nicht zu verhindern, ist ebenso eine Straftat. Dass ein Geheimdienst von einem angeblichen Mord absieht und ihn lieber aus dem Verkehr zieht, in dem sie ihn wegen einer Straftat bezichtigen, auf die meistens eh nur Bewährung gegeben wird … naja, wohl ein Flüchtigsfehler, weil sie zu viel damit zu tun hatten, Aliens zu obduzieren.
- Unbedingt. Dass “christliche Organisationen” sich selbst einen Knebel bzgl aktueller Themen auferlegen, anstatt diese kritisch zu hinterfragen, hat meiner Meinung nach erheblich zur moralischen Verkrüppelung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten beigetragen und wird den meisten Kirchen (zum Beispiel im Bezug auf den Nationalsozialismus) sogar öffentlich als Fehler vorgeworfen. Wer hier erkennt, dass ich einen Vorwurf formuliert habe, der christlichen Werten entgegen spricht, darf diesen gerne aufzeigen.

8 12 2010
falkoz

Ich sehe, dass ich deinen 2. Punkt übersehen habe. Nicht laut meinem Eintrag, laut WikiLeaks: “Our drop box is easy to use and provides military-grade encryption protection. Submitting documents to our journalists is protected by law in better democracies.”

8 12 2010
Farino

Vielen Dank für den Beitrag! Ich lese ja bevorzugt das, was bei Bildblog ausgegraben wird oder auf den Nachdenkseiten steht. Zu der Frage, ob man als Prediger einer christlichen Gemeinde dazu etwas sagen soll: Wenn es Hand und Fuß hat und man es möchte – warum nicht? Mir ist doch viel lieber, wenn jemand klare Worte findet, über die man durchaus auch mal nachdenken kann und die unser jetziges Alltagsleben betreffen, anstatt das jemand oder etwas sich mit Worten wie “christlich” oder “sozial” schmückt wie ein Gockel – und im Endeffekt merkt man davon… genau: Nichts.

Wobei es dabei nicht nur um Parteien geht, sondern auch um durch Steuern finanzierte Berufsprediger, die jede Woche am Altar stehen und allen erzählen, wie toll doch alles ist, das man sich um den Nächsten kümmern soll und so ein (´tschuldigung) Geseiere mehr – und kaum ist Gottesdienst (der diesen Namen absolut nicht verdient) und Kirchkaffee vorbei, ist auch die Arbeitszeit des Pastors/Pfarrers vorbei. Nächstenliebe? Mal gucken, wann im Terminkalender dafür noch ein Platz ist…

Es wäre ja noch schöner, wenn gerade jemand aus Richtung Jesusfreak dann aufpassen müsste, was bitteschön er veröffentlichen darf, weil er ja auch Prediger ist, und was nicht. Genau DAS wäre Diktatur – und genau DAS ist so ziemlich das Letzte, was ich in einer freien Glaubensgemeinschaft haben will. Wenn ich Gedärmekriechen, Schönrederei und Diktatur haben will, kann ich das jeden Sonntag in einem der oft hässlichen Betonbauten haben. Mit allem drum und dran. Will ICH aber nicht mehr. Weil es verlogen ist.

Die vom Staat geförderte Kirche ist oft doch genau das, was Jesus schon erlebt hat – und damit genau das, was er nicht wollte: Ein Haufen anmaßender Leute im Tempel, die in erster Linie zugesehen haben, das sie selbst gut wegkommen. Die allen anderen erzählt haben, was zu tun und zu lassen sei – und sich selbst oft am wenigsten dran gehalten haben. Nicht mehr und nicht weniger. In meiner Jugendzeit gab es einen ganz tollen Aufkleber. Darauf war eine Gruppe Demonstranten hinter einem Steinhaufen und unter dem Bild stand: “Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben!” . Jesus… war genau so. Er war der, vor dem alle immer gewarnt haben, ein Freak, ein Aussenseiter, der oft nur Scherereien gemacht hat mit seinen Fans. Würde heute noch mal ein Jesus auf die Welt kommen, wären mit Sicherheit viele Menschen, die sich Christen nennen, genau die, die auf ihn zeigen und rufen würden: “So ein Spinner, bleibt von dem bloß weg!!!”, weil es ihr Bild von einem weichgezeichneten, weichgespülten und auf rosa Wattewolken gepackten Jesus widersprechen würde, dem man die Heiligkeit ihrer Ansicht nach schon aus zehn Kilometer Entfernung angesehen haben muss.

Wir brauchen so etwas wie Wikileaks. Aber wir brauchen keine Menschen, die sich selbst damit profilieren und daraus für sich das größte Kapital schlagen. Von jemandem, der von anderen Ehrlichkeit und Transparenz erwartet, erwarte ich als allererstes, das er es selbst vorlebt. Das tut der angebliche Gründer aber eben nicht, nein, er reisst noch andere mit ins Verderben. So ein “guter” Mensch ist er. Aber… so ein Verhalten gibt es nicht nur bei Wikileaks, sondern in vielen Gruppen, Organisationen etc., die mit viel Bohei und Tamtam an die Öffentlichkeit gehen, was für eine wunderbare und wertvolle Arbeit sie doch leisten… und früher oder später kommt die unglaubliche Verlogenheit raus. Dementsprechend noch einmal vielen Dank an Falco für diesen Beitrag, der zum Nachdenken anregt, die Meinungsbildung durchaus fördert – und den ich für meinen Teil als enorm christlich bezeichnen würde.

Manuela

24 03 2011
lokke

vorallem wistleblowing ist gut ja aber damit muß eben verantwortich umgegengen werden
nicht jede auswahl ist gelich ein Zensur
20.000 seiten ungelesen zuveröffentlcihen ohne zu schauen ob diese inforamtioen andere gefärden ist genauso doof und schieße wie seine “versicherung”
gute Idee scheiß praxis
heiligt der zweck die mittel
der gute vorsatz die Opfer des Ergenisses?
Moral hat (auch) was mit konsequenzen zu tun
freiheit darf niemals auf kosten anderer gehen
also deswegen hasse ich diese unreflektierte Solidarität mit Assange und WL auch

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